Altar aus 800 Jahre alten Eichen­balken

Es ist ein junges und gleichzeitig uraltes Objekt, das Prof. Dr. Hans Georg Nehen vorstellt: der Altar in der Kapelle des Geriatrie-Zentrums Haus Berge in Essen wurde 2013 gebaut, doch die Eichenpfähle, aus denen er besteht, sind wesentlich älteren Datums…

Foto: https://www.contilia.de/einrichtungen/geriatrie-zentrum-haus-berge/kapelle.html

Die Geschichte des dunklen, knorrigen Altarblocks, der den Mittelpunkt der modernen und lichtdurchfluteten Krankenhauskapelle bildet, beginnt bereits im Mittelalter: Mit der Wasserburganlage „Haus Berge“, benannt nach dem westfälischen Adelsgeschlecht „op dem Berghe“.
1867 erwarben die Barmherzigen Schwestern von der hl. Elisabeth an dieser Stelle ein Gebäude, das sie zu einer Krankenpflegeanstalt, dem ältesten Krankenhaus im ehemaligen Landkreis Essen, umbauten. Typisch für das katholische Krankenhauswesen im Ruhrgebiet reagierten die Ordensschwestern damit auf die sozialen Probleme der entstehenden Industrieregion und halfen der finanzschwache Kommune, die nicht in der Lage war, eigene Krankenhäuser zu errichten.

Erst als 1995 renoviert und zum Teil neugebaut wurde, entdeckte man während archäologischer Grabungen den 10 Meter breiten Wassergraben wieder, der das ehemalige befestigte Wasserschloss umgeben hatte. Zur Abdichtung waren Eichenbalken verwendet worden, die bei den Umbauten nun auch wieder auftauchten. „Ich habe den Baggerfahrer gebeten, diese Eichenbalken zu sammeln“, erinnert sich Nehen. „Solche historischen Fundstücke kann man doch nicht einfach wegwerfen!“ Tatsächlich stellte sich bei einer dendrochronologischen Untersuchung heraus, dass die Bäume bereits im Jahr 1254 gefällt worden waren.

von oben sind die Jahresringe sichtbar
von oben sind die Jahresringe sichtbar
Foto: aus dem von Herbert Galle und Gabriele Wilpers gestalteten Flyer

Zunächst wusste niemand mit diesen ‚Schätzen‘ so recht etwas anzufangen. Doch als 2013 die neue Krankenhauskapelle im Haus Berge eingerichtet werden sollte, fielen Nehen beim Blick auf die ersten Pläne der Essener Künstlerin Gabriele Wilpers die alten Eichenbalken wieder ein.
Und so steht dort heute ein ganz besonderer Altar, der eine lange Geschichte konserviert: er besteht aus dem vor 800 Jahren behauenen Holz. Von den Seiten sieht man die schwarze, zerklüftete Oberfläche, oben sind unter einer Glasplatte die Jahresringe sichtbar. „Sie stehen für die Zeit, die vergeht“, erzählt Nehen. Die Vorstellung habe ihn fasziniert: „Da haben Menschen vor 800 Jahren dran gearbeitet – mit ganz anderen Werkzeugen, unter ganz anderen Umständen.“ Und heute sind diese Holzstämme Teil eines der jüngsten Sakralräume im Bistum Essen. Sie für den Altar zurechtzusägen, war gar nicht so leicht: „Die Eichenpfähle sind nach der langen Zeit sehr, sehr hart, deshalb musste erstmal ein Sägewerk gefunden werden, das sie bearbeiten konnte.

die Eichenbalken in der Werkstadt
Foto: aus dem Entwurf von G. Wilpers

Das Holz-Motiv zieht sich an vielen Stellen durch die sehr modern gestaltete Kapelle. Der Kirchenraum weckt mit seinen natürlichen Materialien und warmen Naturfarben die Erinnerung an einen Garten. Er soll den Patient:innen und Angehörigen und dem Personal als Ort der Ruhe und Kontemplation, der Geborgenheit und Schöpfungskraft dienen.
„Da erreichen wir Menschen, die wir sonst nicht erreichen“, betont der Arzt die große Bedeutung der Krankenhausseelsorge. „Und das in einer Situation, die sie herausfordert, sich Fragen nach dem Sinn – oder Unsinn – des Lebens zu stellen.“ Das gelte nicht nur für die Patient:innen, sondern auch für das Personal: „Gerade in der Geriatrie sind auch die Mitarbeiter ja immer wieder konfrontiert mit der Endlichkeit.“

Hans Georg Nehen (rechts) trägt mit Herbert Galle einen der Eichenpfähle
Hans Georg Nehen (rechts) trägt mit Herbert Galle einen der Eichenpfähle

Prof. Dr. Hans Georg Nehen war Klinikdirektor des Geriatrie-Zentrums Haus Berge in Essen und dort über 30 Jahre lang tätig.

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